Kindzeit

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Zeit und Kindheit © Uli Lorenz 1997

 

Verantwortung für ein Kind haben

heißt ihm Zeit zu lassen

und ihm Zeit zu widmen

(U.L)

 

Zeit-Missbrauch an Kindern

William Temple plädiert 1770 für Arbeitshäuser, in die Kinder bereits im Alter von vier Jahren geschickt werden sollten: "Es ist sehr nützlich, dass sie auf irgendwelche Art ständig beschäftigt werden, wenigstens zwölf Stunden am Tag, ob sie nun damit ihren Unterhalt verdienen oder nicht; denn wir hoffen, dass sich auf diese Weise die heranwachsende Generation so sehr an die ständige Beschäftigung gewöhnen wird, dass sie dies zuletzt als angenehm und unterhaltend empfindet." (237)

So schickt man die Kinder anfangs in die Schule, nicht schon in der Absicht, damit sie dort etwas lernen sollen, sondern damit sie sich daran gewöhnen mögen, still zu sitzen, und pünktlich das zu beobachten, was ihnen vorgeschrieben wird. (238)

In der Defensive geraten ist jene Vorstellung des Bildungsprozesses, für welche die Zeitmuster des Wachses-Lassens, des sich organisch-rhythmischen Entwickelns, des Pflegens und Behütens, des Abwartens und des Erwartens zentral sind. Sie knüpft an den Ursprungssinn von Schule, an das griechische scholé = Muße an. (191)

"Kinder und Uhren dürfen nicht ständig aufgezogen werden. Man muss sie auch gehen lassen." (Jean Paul/187)

"Zum Heile für unsere heranwachsende Jugend hat die gütige Natur ihr ein Sicherheitsventil gegeben, dessen Wert nicht hoch genug gepriesen werden kann - das ist die Unaufmerksamkeit..." (Emil Kraepelin/187)

Anlässlich der Firmung, jener katholischen Form des rituellen Übergangs von der Kindheit zur Jugend, werden bevorzugt Uhren verschenkt. Ein treffendes Symbol dafür, dass die Zeit der Kindheit zu Ende ist und die Zeit der Uhr beginnt (149).

Kindheit ist nämlich jene Zeit, in der die Zeit nicht zählte, weil man die Uhr noch nicht lesen konnte. (35) (Seitenangaben zu: Karlheinz Geißler, "Zeit", BeltzQuadriga-Verlag 1996)

In der Gegenwart die Vergangenheit verarbeiten, um offen zu sein für die Zukunft (Armin Krenz)

Sich in der Zeit verlieren, dieser heiligen Zustand ist vor allem spielenden Kindern vorbehalten. (ul)

 

Wir könnten Menschen sein.

Einst waren wir schon Kinder

Wir sahen Schmetterlinge,

wir standen unterm silbernen Wasserfall.

Wir sahen alles.

Wir hielten die Muschel ans Ohr.

Wir hörten das Meer.

Wir hatten Zeit.   Max Frisch

 

In der Pädagogik greift der Situationsorientierte Ansatz (A.Krenz) das Zeitbewußt-sein auf: "In der Gegenwart die Vergangenheit bewältigen, um offen für die Zukunft zu sein." Das Kind hat genügend Potentiale in sich, um eine ungewisse Zukunft zu bewältigen. Da der Erwachsne auch nict weiß, wohin der ständige wandel führt, ist es bedeutsam die Selbstkompetenz der kinder zu stärken und möglichst wenig unverarbeitete Erlebnisse mitzuschleppen.

Der Situationsansatz glaubt, dass das "soziale Lernen" die wichtigste Voraussetzung für die Zukunft der Kinder ist und legt hier den pädagogischen Schwerpunkt. Das soziale Miteinander ist und bleibt hier die herausragende Anforderung des Lebens.

Der Lebensbezogene Ansatz (Huppertz) will Kinder möglichst schnell an die Erwachsenwelt mit ihren derzeit gültigen Werten und benötigten Fertigkeiten heranführen. Was heute bedeutend ist, wird Morgen auch wichtig sein, oder zumindest nicht schaden.

Die Erlebnisorientierte-Ökologische Pädagogik (Lorenz / Naujokat) lässt durch wenig vorgeplante Zeiten bewusst Raum für "Selbstähnliches Verhalten" (Wiederholung von Verhaltensmustern) um ohne Zeitdruck und Programm-Stress die eigenen Verhaltensmuster mit andren Verhaltensformen vergleichen zu können und neue Verhaltensformen in "Selbstorganisation" auszuprobieren. Hier beginnt auch die Entfaltung der Kreativität, solange Zeit und Raum dafür zur Verfügung stehen.

 

 
 
Kreativität beginnt damit, neuen Impulsen Raum zu geben und Zufälle wirken zu lassen