Naturerfahrung

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  Folgende Beiträge finden Sie nachstehend:
- Stärkung der Identitätsentwicklung durch Naturerfahrung 
- Naturerfahrung eröffnet neue pädagogische Chancen 
-
Die Bedeutung der Natur für die psychische Entwicklung
- Mit-Welt-Beziehung
-
Der Mensch als "animal sybolicum" Stärkung der Identitätsentwicklung 


Stärkung der Identitätsentwicklung
durch Naturerfahrung 
                
© Uli Lorenz, 2000

Identität ist die im Verlauf und Wandel der Zeit erlebte Einzigartigkeit einer Person. Diese Einzigartigkeit kann rückblickend auf den eigenen Lebensweg und vergleichend mit anderen Menschen jeder bei sich selbst und anderen Menschen erkennen. Die Mitmenschen können meine unverwechselbare Persönlichkeit entdecken und so vertrauensvoll mit mir eine Beziehung knüpfen, in der Hoffnung, dass sie sich auf mich in bestimmten Persönlich- keitseigenschaften verlassen können.

Identität und Orientierung sind eng miteinander verbunden. Identität hilft mir einerseits wie eine Kompassnadel in mir meinen Weg zu finden und wirkt andererseits wie ein Magnet auf andere Menschen, für die meine Persönlichkeitsmerkmale bereichernd für ihr Leben sind. Die Wirkung der Persönlichkeit, der Ausstrahlung und des Ausdrucks eines Menschen findet mehr oder weniger Resonanz bei Mitmenschen und ist bedeutend für die Beziehungsfähigkeit und die Bildung von Freundschaften und Gruppen.

Interessanter Weise scheint es so gesehen auch eine Identität der Natur zu geben, die trotz sich wandelnder Bedingungen ihr Wesen bewahrt und uns Orientierung bietet. Anfang März, wenn der Winter erfahrungsgemäß langsam zu Ende geht und die Sonne wieder so viel Kraft hat, dass der Schnee nicht mehr lange liegen bleibt, warten wir ungeduldig auf die ersten Frühlingsboten unter den Blumen und Vögeln, freuen wir uns auf das junge Grün der Bäume und träumen schon von saftigen Wiesen und dem Sommer, wenn wir im See schwimmen können. Wir können uns auch darauf verlassen, dass es trotz oft ungewünschter Wetterverhältnisse genug Sonnenschein und Regen für den Fortbestand des Lebens geben wird. Wir wissen, dass nach einer Nacht wieder die Sonne den Tag erhellt und jeder noch so schlimme Regenschauer irgendwann wieder aufhören wird. Und auch hier ist die Resonanz wichtig für die Fortpflanzung des Lebens, wenn Blüten, Düfte und Laute bestimmte Lebewesen anziehen.

Der Mensch ist ein lebendes System in der Natur, das durch Bildung von Identität und Sinn die hohe Komplexität der Umwelt verarbeiten kann. Im Grunde erneuert der Mensch jeden Tag seine Sicht der Welt und auch sich selbst. Nach sieben Jahren haben sich biologisch die Zellen jedes Menschen völlig erneuert, ohne dass wir dabei unser Wesen und unsere Identität ver- lieren. Hervorzuheben ist aber auch die Fähigkeit selbst in chaotischen Zusammenhängen durch Selbstorganisation Ordnung zu schaffen. Das gilt für den Menschen ebenso, wie für die Natur insgesamt.

Der Mensch organisiert diese Ordnung beispielsweise durch Werte, Gesetze und Religion. In der Natur verknüpfen sich verschiedene Lebensarten zu hoch komplexen Kreisläufen von Raubtier-Beute-Mustern und Symbiosen und schaf-fen somit trotz großer periodischer Schwankungen eine stabile Ordnung. Die Naturvölker und auch frühe Hochkulturen personifizierten diese Form von Selbstorganisation als Götter und schrieben ihnen so eine Identität zu.

Das Selbstbewusstsein, dass der menschlichen Identität zu Grunde liegt, hat sich in der Evolution aus der Körper-Bewusstheit entwickelt. Die Menschenaffen als unsere Vorläufer haben über das Klettern, dass für sie wesentlich anspruchsvoller und heikler zu erlernen war als für kleine Tiere, das Selbst-Bewusstsein entwickelt. Wenn Bewegungsstereotype nicht mehr ausreichen, entwickelt sich Selbst-Bewusstsein als ein neuartiges psychologisches System, das Freiheit und Flexibilität möglich macht. Somit hat das Herumtollen und Klettern bei Kindern nicht nur eine körperliche sondern auch eine psychische Auswirkung auf die Entwicklung. Bewusstsein begann mit dem Empfindungsvermögen für Lust und Schmerz. Darüber hinaus ist das Bewusstsein verbunden mit Empfindungen von "angenehm" und "unangenehm", mit Bedürfnissen und entsprechenden Aktivitäten.

Wenn wir Kinder also aus den wohltemperierten und gut ausgestatteten Räumen herausgehen und uns auf die Natur einlassen, wird die Entwicklung ihres Selbstbewusstseins und ihrer Identität geradezu herausgelockt. Die Herausforderung steigt mit der Vielseitigkeit der Umgebung, der Wechsel- haftigkeit des Wetters und dem, von Aufsichtspflichtigen zugestandenen Freiraum.

Die Natur lehrt uns also, dass Sinn und Identität nicht nur durch Gedanken- konstruktion entsteht, und schon gar nicht durch kulturelle Techniken, sondern durch die Gangbarkeit eines Weges der sich in einem Verhaltensspielraum und durch spielerischen Umgang mit kleinen Abweichungen und zufälligen Impulsen, als "passend" erweist. Diese Ausformung von Lebenstauglichkeit nennt man auch "Viabilität".

Die Entwicklung von Identität bei Kindern kann ebenso spielerisch vor sich gehen, wenn genügend Freiraum und Toleranz für Verhaltens- und Wertalter- nativen vorhanden sind. Gerade Kinder beobachten unterschiedliche Verhaltensweisen sehr genau und versuchen dieses Verhaltensspektrum im Spiel auszuprobieren, um passende Alternativen und neue Möglichkeiten für sich selbst zu finden. Es handelt sich dabei um einen spielerischen Anpassungsprozeß von eigenen Erfahrungen, Werten und Verhaltensmustern mit den Erwartungen, Normen und Werten der Umgebung des Kindes. Sehr häufig unterliegen Kinder aber auch einem Anpassungsdruck, der diesem Hinspüren in stimmige Formen des eigenen Empfindens und Ausdrucks keinen Raum lässt und sie zur "Unterwerfung" zwingt, die meist aus Angst vor Strafen oder Missachtung geschieht. Hierbei wird Kindern der notwendige Freiraum für ihre Entwicklung entzogen. Oft scheint diese Form der Anpassung für Erwachsene zunächst die einfachere Lösung zu sein, aber die Würde und Einzigartigkeit des Kindes als gleichberechtigter Erdbewohner und als Geschöpf Gottes findet nicht die nötige Achtung.

Wie problematisch bis gefährlich es ist, vorschnell in die natürliche Entwick- lungs-Prozesse einzugreifen, zeigen auch jene Eingriffe des Menschen in die Natur, die zu ökologischen Katastrophen und Spätfolgen geführt haben, da der Mensch die komplexen und langfristigen Zusammenhänge nicht überdacht hat und auch nicht über blicken kann.

So hat auch eine bundesweite Studie von Wolfgang Tietze 1998 gezeigt, dass die Qualität in Kindertagesstätten am höchsten ist, je weniger die Kinder durch die Erzieherinnen ständig beaufsichtigt werden (Kinder also unbeaufsichtigte Nischen und Freiräume haben) und je mehr Vorbereitungszeit die pädagogischen Mitarbeiterinnen haben. Professor Pfeiffer sorgte im Frühjahr 1999 mit seiner These für Aufsehen, dass die starken rechtsradikalen Tendenzen in der ostdeutschen Jugend auf die "problematische Kleinkinddressur" und Unterdrückung der Individualität in vielen Kindertagesstätten der ehemaligen DDR zurückzuführen sei, mit der einseitigen Ausrichtung auf Disziplin, Sauberkeit, Ordnung und Einordnung in die Gruppe. Diese Kinder konnten ihre Identität nicht genügend entfalten und neigen zum Mitläufertum und zu erhöhter Gewalttätigkeit als Gruppe.

Für die Entwicklung von Identität ist aber nicht nur Freiraum, sondern auch das Erleben von Grenzen notwendig, die mit den eigenen und allgemein anerkannten Werten auf Sinn und Unsinn untersucht und verändert werden können. Sinnentleerte und starre Grenzen schaden der Identitätsentwicklung ebenso wie das Verhinderungs-Argument "das war schon immer so".

Es ist nicht nur wichtig sinnvolle Grenzen zu erfahren, sondern es ist ebenso bedeutsam, dass Kinder sich selbst abgrenzen können, eine Grenze ziehen zwischen dem was sie wollen und was nicht, zwischen sich und dem Mit-Menschen. Diese bedeutsame Entwicklung geschieht im Kindergartenalter und äußert sich auch in der Sprache und den Zeichnungen der Kinder, wenn sie einen "Ich-Kreis" zu malen beginnen, der oftmals als Kopf eines "Kopffüßlers" bezeichnet wird. Der Kreis schließt aber die ganze Persönlichkeit des Kindes mit ein und die davon ausgehenden Linien sind Bewegungs- und Kontaktlinien zur Mitwelt. Der authentische Ausdruck des Kindes im Malen, Singen, Forschen und Spielen unterstützt die Identitätsentwicklung und sollte nicht durch voreiliges Antrainieren von Fertigkeiten unterbunden werden, die zur rechten Zeit ohnehin von alleine ausgebildet werden. Gott sei Dank sind Kinder keine Maschinen und entwickeln sich nicht nach vorgegebenen Bauplänen, sondern individuell in einem Bereich etwas schneller und in einem anderen Bereich etwas langsamer. Glücklicherweise gibt es auch für behinderte Kinder und für Kinder, die einzelne Fähigkeiten in ihrem Umfeld nicht altersentsprechend entfalten konnten, qualifizierte Fördermöglichkeiten.

Identitätsförderung braucht insbesondere eine gute Portion Gelassenheit und Vertrauen in die Schöpfung, dass Kinder durchaus einen sehr sinnvollen, natürlichen und über Jahrtausende bewährten Entwicklungsprozess durchleben. Erwachsene sollten Kindern diesen natürlichen Zeitraum lassen und zugestehen. Wer in sich eine Heimat gefunden hat und sich gut abgrenzen kann, kann auch Kontakt aufnehmen, über den eigenen Rand hinausschauen und neue Herausforderungen und Abenteuer suchen... und dabei spielerisch kennen lernen und auswählen, was Bedeutsam ist und somit der weiteren Entwicklung dient.

Unsere Identität kann man mit einem Kreis um uns vergleichen, der unterscheiden hilft, was zu mir gehört und was für mich Umwelt ist, und auch unterscheidet, welche Anregungen, Energien und Informationen aus der Umwelt ich aufnehme und welche ich aussondere. So hilft uns Identität die Vielfalt der Umwelt zu verarbeiten und unseren individuellen Lebensweg zu gestalten und zu finden. Natürlich werden wir durch unsere Umwelt mit geprägt und entwickeln eine Gruppenidentität in der Familie, in Kindergarten- und Schulgruppen, im Freundeskreis und am Arbeitsplatz, in Vereinen und in der Gesellschaft als Bewohner einer Stadt und eines Landes. Sie kann aber die individuelle Identität nicht ersetzen.

"Identität ist immer auch eine Balance zwischen dem was ich will, und dem, was andere von mir wollen". Dieser Balanceakt zwischen eigenen Bedürfnissen und fremden Erwartungen, Selbstwert und gesellschaftlichen Werten, zwischen Normen und eigenen Interessen lässt die besondere pädagogische Herausforderung bei der Unterstützung der Identitätsentwicklung erahnen und setzt sich das ganze Leben zwischen den Polen der Anpassung und Mündigkeit fort. Zwischen diesen Polen sind Freiheit und Eigenzeit, also dem eigenen Rhythmus und Zeiterleben, eine wichtige pädagogische Grundlage für die Entfaltung der Persönlichkeit, der Identität und der Identifikation mit Werten, Gruppen und Regeln.

Wenn der Tagesablauf in Kindertagesstätten nur noch in klaren Zeiträumen getaktete Routine ist, mit vorgeplantem Programm, steht die Anpassung erdrückend im Vordergrund und erstickt die pädagogische Entwicklungsbegleitung von Kindern.

 

Naturerfahrung 
eröffnet neue pädagogische Chancen 

© Uli Lorenz, 2000

Auf den ersten Blick könnte man meinen, der Trend "hin zur Natur" sei eine neue Modeerscheinung oder Spinnerei, von dem nun auch die Kindertagesstätten erfasst sind.

Bei genauerer Betrachtung erkennt man jedoch schnell eine qualitätsvolle Entwicklung der pädagogischen Angebote in der Natur. Sie geht vieler Orts einher mit einer kontinuierlichen Entwicklung von der Öffnung nach innen durch gruppenübergreifende Projekte und Spielbereiche, einer klaren Profilierung durch Konzeptentwicklung und Qualitätsziele, und schreitet fort in eine gezielte Öffnung nach außen. Dies geschieht durch Vernetzung in der Gemeinde ebenso wie durch Naturerfahrung, darüber hinaus durch das Einbinden von Ressourcen, beispielsweise von Fähigkeiten der Eltern, Fachwissen von Förstern, Gärtnern, Vereinen und der bestehenden Infrastruktur.

Nicht nur die Wissenschaft hat das Recht von der Natur abzugucken (Bionik) und natürliche Kräfte und Prozesse für sich zu nützen, auch in der Pädagogik ist es nur weise, diese Energien für natürlichen Entwicklungsprozesse für Menschen und Gruppen zu nützen: z.B. den natürlichen Rhythmus von Jahreszeiten, Tageszeiten und biologischen Vorgängen in uns Menschen; natürliche Energiereize durch Farben und Formen, Gerüche und Töne, die im Menschen eine andere Resonanz und Befindlichkeit anrühren, als Verkehrslärm, digitalisierte Musik oder Computerspiele.

Die Vielfalt, der Freiraum und die Gestaltungsmöglichkeiten in der Natur sprechen die Sinne ganzheitlich an, fordern die Phantasie und Kreativität heraus und fördern ein ständiges und spielerisches Entwickeln neuer Fähigkeiten beim Menschen.

Mittlerweile hat sich ein breites Spektrum pädagogischer Naturaktivitäten herausgebildet, mit einem qualifizierten Netzwerk zur Unterstützung, Informations-Vermittlung und für den Erfahrungsaustausch. Auch im Weiterbildungsbereich sind durch Kooperation neue Formen entstanden z.B. die Bausteine zur Ökologisch-Systemischen Kompetenz (ÖKO-SYS©). In den Kindertagesstätten haben sich, neben naturnahen Spielflächen und Biotopen im Garten, Angebote entwickelt wie wöchentliche Wald- oder Naturtage, Waldprojekte in allen vier Jahreszeiten, sowie eigenständige bzw. in einer Kindertagesstätte integrierte Waldkindergärten und Freilandgruppen.

Durch Naturerfahrung können deutliche Verbesserungen beobachtet werden, besonders im Verhalten "auffälliger" Kinder, in der Entwicklung basaler Sinne und bedeutender Grundfähigkeiten für die psychische Stabilität, sowie der Konzentrations- und Lernfähigkeit und der motorischen Entwicklung. Aber auch das Nachdenken über den Schöpfer und die Verantwortung für die Schöpfung werden durch Naturerfahrungen herausgefordert und fördern sinnerfüllte Lebenshaltungen, die sowohl in den engen Räumen der Kindertagesstätte als auch im scheinbar unbegrenzten Internet oder der immer noch einseitig kognitiv ausgerichteten Schule nur schwer zu vermitteln sind.

Die Bedeutung der Natur für die psychische Entwicklung

Zitate aus Ulrich Gebhard: "Kind und Natur", Westdeutscher Verlag, 2001

© Uli Lorenz, 2001

In einem 3-dimensionalen Persönlichkeitsmodell ist... "der Mensch als Teil und Gegenüber der Natur untrennbar mit all diesen nichtmenschlichen Objekten verbunden" (S.16).

"Die Natur entwickelt unsere Fähigkeiten und unsere Kräfte; die Menschen lehren uns den Gebrauch dieser Fähigkeiten und Kräfte. Die Dinge aber erziehen uns durch die Erfahrung die wir mit Ihnen machen und durch die Anschauung". (Rosseau, 1978)

Die Fähigkeit, Natur erleben zu können gehört zum "seelischen Existenzminimum" des Menschen (Busemann // S.80). Der junge Mensch braucht seinesgleichen, nämlich Tiere, überhaupt Elementares, Wasser, Dreck, Gebüsch, Spielraum. Man kann ihn auch ohne das alles aufwachsen lassen, mit Teppichen, Stofftieren oder asphaltierten Straßen und Höfen. Er überlebt es - doch man soll sich dann nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nie mehr erlernt, z.B. ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort und Initiative. Je weniger Freizügigkeit, je weniger Anschauung der Natur mit ihren biologischen Prozessen, je weniger Kontaktanregung zur Befriedigung der Neugier, desto weniger kann ein Mensch seine seelischen Fähigkeiten entfalten und mit seinem inneren Triebgeschehen umzugehen lernen (Mitscherlich // S.81f.)

Kinder schätzen an der Natur vor allem die Abwechslung, die Möglichkeit nach immer wieder neuen Aktivitäten... die ganz urtümlichen Dinge einer elementaren Welt: Bäume, Gebüsch, hohes Gras, Wiese, Blumen, Garten, Bach, Sumpf, Waldrand, dichter Wald, verwildertes Land (S.82f.). Die Auseinandersetzung mit der Natur ist meist eher sanft, ein experimentieren und erforschen (S.84).

Insgesamt liegt der Wert der Natur wesentlich darin, dass Kinder hier ein relativ hohes Maß an Freizügigkeit haben, zugleich relativ aufgehoben sind und zudem Bedürfnissen nach "Wildnis" und Abenteuer nachgehen können. (S.97)

Fehlt diese Freiheit, kommt es zur seelischen Verkümmerungen (S.83)

In zahlreichen Untersuchungen zur Kleinkindentwicklung wird die Bedeutung einer möglichst vielfältigen Reizumgebung hervorgehoben. Eine relativ naturnahe Umgebung fördert den Wechsel von Spannung und Lösung, nimmt eine Mittelstellung zwischen neu und vertraut ein, da sowohl verlässliche Kontinuität als auch ständiger Wandel besteht. Eine solche "reizvolle" Umgebung lädt zur Erkundung ein, weil sie neu und interessant ist und eben zugleich vertraut (S.86).

Stimulierende Erlebnisqualitäten der Natur (nach Sebba // S.87):

- Gleichzeitige Vielfalt von Reizen (wechselnder Wind, Gerüche, Farben)

- Kontinuierlicher Wechsel von Reizen (Spektrum von hell zu dunkel, nass zu  
  trocken, warm und kalt...)

- Instabilität und Zerbrechlichkeit erfordern Wachsamkeit und Aufmerksamkeit

- Kontakt zu Lebendigem

- Unendliche Verschiedenartigkeit (regt die Phantasie an).

Der kath. Kindergarten Neubeuern hat für seine Waldprojekt-Wochen folgende Ziele formuliert:

- Ursprüngliche Neugierde an der Natur zulassen und mit den Kindern  
  gemeinsam entdecken und erleben

- Ganzheitliche Wahrnehmung fördern

- Kraft schöpfen

- Neue Verhaltens-Spielräume ermöglichen

- Entfaltungsräume für natürliche Bewegung

- Ehrfurcht vor der Schöpfung

- Eigene Identität als Naturwesen wiederentdecken

- Entdeckung neuer Rollen und Fähigkeiten bei Kindern und Erwachsenen

- Die Chancen des Gartens und der Natur als Erlebnisraum in die 
  Kindergartenarbeit einbeziehen.

Bei Besuchen von Waldkindergärten und bei Gesprächen mit den pädagogischen Mitarbeiterinnen fällt besonders auf, dass eine vielseitige Bewegung des Körpers und die Phantasie sehr stark herausgefordert werden und insbesondere im Verhalten auffällige und überaktive Kinder im Wald offensichtlich mehr Entwicklungsraum finden. Im Wald neu erlernte Fähigkeiten, Verhaltensformen und neue Kontakte wirken sich auch in den Kindergarten positiv aus.

Bei der Untersuchung von "creativ thinkers" wurde deutlich, dass diese eine besondere Naturnähe im Alter von ca. 5-12 Jahren hatten (Cobb // S.88).

 

Mit-Welt-Beziehung

Die Ökologische Psychologie versucht Person und Umwelt in eine systematische Beziehung zu setzen. Mensch und Umwelt sind also in dieser Perspektive gewissermaßen "Entwicklungspartner" (Wolf 1995 // S.17).

Der Mensch steht in einer dialektischen (in Gegensätzen denkenden) Spannung zu seiner Umgebung, er interagiert mit ihr, formt sie und wird von ihr geformt (Ittelson // S.17).

Das Kind "passt sich seiner Umwelt nicht einfach an, sondern macht sie sich zu eigen, das heißt, es eignet sie sich an" (Leontjev // S.18).

Im Empfinden erleben wir uns in und mit unserer Welt. Die Beziehung des Ich auf seine Welt ist im Empfinden eine Weise des Verbunden-Seins (Straus // S.19).

Die Repräsentierung von äußeren Objekten im inneren seelischen Geschehen ist nur als ein aktiver, symbolischer Konstruktionsprozess zu verstehen (S.18).

Das heißt, jeder konstruiert sich seine eigene Welt und wesentliche Bausteine dafür sind die Erlebnisse mit der belebten und unbelebten Natur.

Die Umwelt wirkt sich übrigens meistens auf einer nicht-bewussten Ebene aus. Erst bei Änderungen der Umwelt wird diese wieder bewusst wahrgenommen, weil neue Anpassungsprozesse nötig werden (S.19).

Gesundheit, Fähigkeiten und die Natur beachten wir erst, wenn sie eingeschränkt werden. Wir sind zu sehr wir mit ihnen verwoben - wie der Fisch im Wasser - als dass wir sie ständig wahrnehmen könnten, und verlieren schließlich ganz den Blick dafür, bis uns ein Fehlen die grundlegende Bedeutung bewusst macht.

Ozeanisches Erleben: Ursprünglich enthält das Ich alles, später scheidet es eine Außenwelt von sich ab. Unser heutiges Ichgefühl ist also nur ein eingeschrumpfter Rest eines weit umfassenderen, ja - eines allumfassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit des Ichs mit der Umwelt entsprach (Freud // S.22).

In ÖKO-SYS Seminaren kann durch ein ausgewogenes Verhältnis der Triaden (Triharmonie) ein Einklang-Erlebnis entstehen, dass viele Gemeinsamkeiten mit dem ozeanischen Erleben der Kinder und mystischen Erfahrungen hat.

Ein wichtiger Effekt der subjektiven Einheit von Ich und Welt ist, dass die Dinge der äußeren Welt im Lichte der emotionalen Bedürfnisse des Kindes gesehen werden (Egomorphismus, S.24). Animismus nennt man das Phänomen, dass das kleine Kind noch nicht zwischen sich selbst und der Umgebung unterscheiden kann. Diese relative Einheit wird durch geistige und gefühlsmäßige Lernprozesse mit der Zeit aufgehoben. Dieser Prozess beginnt sehr früh zwischen dem 2. und 5. Lebensmonat, und ist darüber hinaus eine lebenslange Lernaufgabe (S.24ff.)

Searles ist der Meinung, dass sich in der menschlichen Ontogenese (Entwicklungsgeschichte des Einzelwesens) seine Phylogenese (Entwicklungsgeschichte des Stammes) wiederholt (S.27). In vielen Schöpfungsmythen waren die Grenzen von Menschen und nichtmenschlicher Umwelt fließend: Menschen konnten in Steine, Bäume oder Tiere verwandelt werden, und umgekehrt (wie auch in den Märchen).

Das Kind projiziert eigene psychische Anteile auf die Dinge und lernt sich selbst und auch die Dinge dabei kennen (S.60). Mit dem Schuleintritt geht das magische Denken zurück, wenngleich doch neue Schlupfwinkel in der Seele gefunden werden (S.63).

Der Ursprung der psychischen Entwicklung wird als eine Subjektive Einheit auch mit den Dingen der Welt aufgefasst, bis Ich und Welt zunehmend getrennt werden.

Wenn das Kind und auch der Erwachsene die Welt der Objekte sich gegenüberstellen, bleiben sie doch auch immer mit ihnen verbunden. Eine grundlegende Verwandtschaft bleibt bestehen (Searles//S.29).

Es ist anstrengend, ständig Ich und die Welt getrennt halten zu müssen. "Rückschritte" können durchaus entlastend und erholsam sein und werden als Quelle des Wohlbefindens durchaus in der Gestaltung von Erholungsgebieten (und "Urlaubsparadiesen") genutzt.

In dem paradoxen Bereich im Übergang der inneren und äußeren Realität in der der Mensch ausruhen darf von der lebenslangen Aufgabe der Trennung spielen "Übergangsobjekte" wie Teddybären, Kissen und Haustiere (aber auch Totemfiguren, Talisman, Steine und Handschmeichler, vielleicht sogar alle Dinge unserer Sammelleidenschaft) eine wichtige Rolle (vgl.Winnicott // S.30).

Ich vermute sogar, dass kulturelle Errungenschaften, die eine Zerstörung der Mit-Welt mit sich bringen vorallem von Menschen erdacht werden, die zwischen Ich und der natürlichen Umwelt die Trennung weiter verdichtet haben zur Spaltung, und keinen gefühlsmäßigen Zugang mehr zur natürlichen Umwelt finden.

Im Gegensatz dazu haben Kinder in Waldprojekten und Naturkindergarten eine faszinierende innere Verbindung zu Steinen, Wurzeln, Stecken, Pflanzen und Tieren und sind in der Lage sich darin eine unbegrenzte Phantasiewelt zu erschließen.

Sie konstruieren sich dabei ihre Welt genauso wie kulturell angepasste Erwachsene mit ihrer Vorstellung von "Realität". Der Unterschied liegt nur darin, dass die Kinder durch ihre Naturnähe weit mehr Anpassungsvielfalt, Phantasie und Kreativität als Potential zur Verfügung haben und sich bewahren.

Während z.B. Schiffbrüchige Mitmenschen relativ lange entbehren können, hat das Fehlen der gegenständlichen bzw. nichtmenschlichen Umwelt verheerendere Auswirkungen (S.28). Die nichtmenschliche Umwelt bietet auch dem Erwachsenen eine zentrale emotionale Orientierung, eine feste Insel angesichts der ständig wechselnden Umstände des täglichen Lebens. Das Gefühl der Verwandtheit mit der nichtmenschlichen Umwelt ermöglicht die eigene menschliche Individualität (S.30).

 

Der Mensch als "animal sybolicum"

Alle Formen menschlicher Weltwahrnehmung
sind Akte symbolischer Sinngebung.
(Ernst Cassirer)

Unter "Symbolischer Form" wird jene Energie des Geistes verstanden, durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an ein konkretes sinnliches Zeichen geknüpft und diesem Zeichen innerlich zugeeignet wird.

Zwischen dem "Merknetz" und dem "Wirknetz" finden wir beim Menschen ein drittes Verbindungsglied, das "Symbolnetz". Diese Leistung verwandelt sein gesamtes Dasein. Er lebt nicht nur in einem physikalischen sondern auch in einem symbolischen Universum (Sinnkonstruktion).

Zwischen Ich und Welt, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Innen und Außen gibt es einen dritten Bereich, der vermittelnd Kontakt herstellt (S.32f.).

Es sind nie die Dinge der Welt, die unmittelbar zu uns sprechen, stets sind es unsere metaphorischen Deutungsmuster, welche die Welt auf eine menschliche Weise zu verstehen suchen. "Nicht die Dinge selbst beunruhigen den Menschen, sondern die Meinung über die Dinge" (Epiktet).

Unsere "Wahrheiten" sind Illusionen, von denen wir vergessen haben, dass sie welche sind. So ist unsere Wahrnehmung ein Spiegelbild unserer Seele und unserer Erfahrungen. Wir wählen aus den unzähligen Eindrücken stets dass aus, was Resonanz in uns findet, was wir schon kennen oder dem wir schon einen Symbolgehalt verliehen haben. Das Symbol ist Ausdruck einer Erfahrung, in der Regel einer vergessenen oder verdrängten Erfahrung. So wird z.B. bei einer Phobie das eigentliche Angstobjekt durch ein zufällig anderes Objekt symbolisch ersetzt (Psychoanalyse//S.36f.).

Die äußere Welt wirkt gleichsam als ein Metaphernvorrat, der in Symbolisierungs-prozessen ein Selbstverständnis des Menschen ermöglicht (S.34). Symbole haben die Funktion, Sinnstrukturen zu konstruieren. Es gibt einen Zusammenhang von psychischer Gesundheit und dem Reichtum an symbolischen Bildern (Buchholz // S.35) Symbol ist ein Anzeichen von Bewußtheit, während bei der Verdrängung Symbole aus der Kommunikation ausgeschlossen werden und Klischees entstehen (Lorenzer // S.37). Klischees sind Ausdruck von Verdrängtem und ihre Bildkraft verdunkelt und verschleiert (S.38). So kann auch Natur als Klischee für Schmutz und Gefahr stehen, oder etwas differenzierter z.B. eine Verbindung von Natur und Regen.

Der hochkomplexe Zusammenhang natürlicher Vorgänge auf unserer Erde und in unserem Universum wirken auf unsere beschränkte Wahrnehmung zu chaotisch und angstmachend. Es ist daher ein konkretes Bedürfnis, die "Lesbarkeit der Welt" zu ermöglichen, also die Welt und die Natur mit Bedeutung und Sinn zu sehen. Dies ist die Grundlage für Religion, Kultur und Wissenschaft (S.35), die auf ihre Weise Sinnstrukturen anbieten und Ordnung im Chaos erkennen und konstruieren.

Kinder nutzen auf symbolischer Weise Elemente der nichtmenschlichen Umwelt, um sich einerseits von der Komplexität der menschlichen Beziehung zu entlasten und auch, um die menschliche Beziehung zu strukturieren.

Die äußere Natur beeinflußt immer auch die innere, psychische Natur des Menschen und umgekehrt. Die Art und Qualität der Natur bzw. unserer Naturerfahrung wird wesentlich unsere psychische Befindlichkeit beeinflussen (S.43). Wenn wir unser Verhältnis zur Natur reflektieren, reflektieren wir immer auch uns selbst (S.47).

Kant meint, dass durch die Versenkung in die Natur, die moralische Entwicklung des Menschen gefördert werde (S.48).

Freud beschreibt, dass die persönliche Erfahrung mit sich und der Welt verallgemeinert und auf die uns begegnende Umwelt ausgedehnt wird. Strukturverhältnisse der eigenen Psyche werden in die Außenwelt verlagert (S:57).

Natur ist genauso ein Teil des Selbst, wie das Selbst ein Teil der Natur ist.
Natur ist für den Menschen bedeutsam, weil wir selbst ein Teil der Natur sind,
und weil unsere Beziehung zur natürlichen Umgebung 
einen Teil unseres Selbst ausmacht (Schäfer // S.43).

Das Subjekt kennt sich in dem Moment am wenigsten, wenn es am meisten auf sich selbst zentriert ist (Piaget // S.58).

Aus Erfahrungen und Wissen

entwickelt sich mit der Zeit

ein Bewusstsein für Wechselwirkungen

und daraus ein Gefühl von Zugehörigkeit

zum Netzwerk des Lebens,

denn der Planet Erde

ist eine Schule für die Seele.

Guy Murchie

(entdeckt bei einer Ausstellung des Gemeinde-Kindergartens Haag/Obb.)

 

 
 
Kreativität beginnt damit, neuen Impulsen Raum zu geben und Zufälle wirken zu lassen